Stadt der Zukunft - Wie könnte sie aussehen?

26 Nov 2017
Stadt der Zukunft - Wie könnte sie aussehen?

Aktuellen Meldungen zufolge (z.B. von spiegel online oder t3n) hat Bill Gates vor kurzem ca. 100 Quadratkilometer Land in Arizona gekauft und möchte dort möglicherweise eine sog. "Smart City" errichten. Ja, ich sage "möglicherweise", denn das Vorhaben ist noch nicht offiziell bestätigt und es steht weder ein Datum für den Beginn noch für das Ende der Bauarbeiten fest. Und doch werden bereits erste Kritikerstimmen laut, die befürchten, dass eine "Smart City" in Arizona die bereits erhöhte Luftverschmutzung in Pheonix noch weiter verschlechtern könnte. Ich dachte mir, während sich die Kolumnisten mit den möglichen Umweltfolgen beschäftigen, könnte sich ein Nerd wie ich, mit einer fundierten Sci-Fi-Halbbildung, mit der technischen Ausrichtung einer solchen "Smart City" befassen: Welche Risiken oder Chancen könnten sich daraus ergeben?

Smart Cities sind allerdings längst kein Science-Fiction mehr. Wie das Online-Magazin "Business Insider" berichtet, hat China bereits eine Stadt 12 Monate lang von KIs (Künstliche Intelligenzen) kontrollieren lassen. Die KI sammelte dabei Daten aller Einwohner zu den Arbeitsverhältnissen (evtl.: Wann muss wer wohin fahren?), zu Beiträgen in Sozialen Netzwerken (evtl.: Wer ist mit wem wie vernetzt?) und zu Güterströmen (evtl.: Wer kauft was, wo und wann ein?) etc. Diese personenbezogenen Daten halfen der KI dabei, den Verkehr nahezu perfekt auf die Bedürfnisse der Einwohner abzustimmen (d.h. Ampelschaltungen etc.) und sogar das Verkehrsaufkommen der nächsten 10 Minuten mit einer Genauigkeit von ca. 90% vorherzusagen. Hunderte Kameras entlang der Fahrbahnen unterstützten die KI zusätzlich. Der Einsatz dieser KI hat laut dem englischsprachigen Magazin New Scientist, auf das sich auch Business Insider in seinem Artikel bezieht, dafür gesorgt, dass es weniger Staus gibt, Verkehrsunfälle und falsch Parker schneller den zuständigen Behörden gemeldet  und "Outlaws" (Gesetzesbrecher) schneller gefasst werden können. Apropos "Outlaws": Die Gerichtsverhandlungen können in dieser Stadt erstmals komplett Online abgewickelt werden. Die Verifizierung der jeweiligen Verhandlungspartner wird dabei per Gesichtserkennung realisiert und mündliche Verhandlungen per Videokonferenz geführt. Sogar das Urteil wird Online verkündet und den Verhandlungspartnern zugestellt. Das spart sicherlich sehr viel Zeit und Geld. Welche Art von Gesetzesverstößen auf diese Weise verhandelt werden, ob generell alle oder vllt. nur leichtere Delikte, wird in dem Artikel nicht erwähnt. Sollten aber auch schwerwiegende Straftaten z.B. Mord, Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch auf diese Art verhandelt werden, könnte damit vllt. den Opfern und deren Angehörigen wohler zumute sein, da sie nicht länger gezwungen wären in einem Raum mit den Tätern zu sein. Auch diverse mögliche "Vorfälle" zwischen Angeklagten und Anklägern (z.B. Tötung im Affekt während der Verhandlung) fielen evtl. weg. Soviel zu den positiven Aspekten. Die Kehrseite der Medaille dürfte jedem klar sein: Der absolute Verlust der Privatsphäre aller Einwohner. Ist der Preis angemessen oder zu hoch? Ich denke, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Eine weitere "Smart Technology", die bereits einige Zeit z.B. in San Francisco und Dubai eingesetzt wird, ist das selbstfahrende Elektro-Auto (Smart Car). Weitere wären KI-gesteuerte Drohnen und "Bots" z.B. zum Ausliefern von Briefen, Paketen und Einkäufen im Allgemeinen. Würde man diese Technologien in einer von KIs kontrollierten Stadt einsetzen, hätte das sicherlich sowohl auf die Umwelt als auch auf wirtschaftliche Aspekte positive Einflüsse. Die Privatsphäre hingegen.... nunja. Auch wurde schon des öfteren diskutiert (meiner Meinung nach mit Recht), ob selbstfahrende Autos tatsächlich in der Lage sein dürfen, zu entscheiden ob sie lebenden Hindernissen (z.B. Kindern) ausweichen sollen oder nicht. Welches Leben ist mehr Wert? Das des Fahrzeuginsassen oder das des lebenden Hindernisses auf der Fahrbahn? Kann eine KI überhaupt eine solche Entscheidung treffen? Kann das irgend jemand? Nun könnte man sagen, dass man die Stadt-kontrollierende KI einsetzen könnte um frühzeitig einzugreifen und das Fahrzeug um das "Hindernis" herumzulenken, oder evtl. das "Hindernis" zu warnen, oder die Angehörigen/Eltern zu informieren. Aber wäre damit das Ethikproblem gelöst?

Ich denke, Ethik und Privatsphäre werden in jeder denkbaren Konstillation einer Smart City auf der Strecke bleiben (müssen), um den Einsatz der jeweiligen Technologie überhaupt erst zu ermöglichen. Und da wären wir auch schon beim eigentlichen Kernproblem, meiner Meinung nach - nicht etwa Umweltverschmutzungen oder dergleichen. Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass bei einer effizienten, gut durchdachten Smart City eine mögliche Luftverschmutzung durch Industrie etc. kein Problem mehr darstellen dürfte. KIs könnten z.B. eingesetzt werden, um eben diese auf ein Minimum zu reduzieren. Elektro-Autos die mit Solarmodulen versorgt werden könnten, würden ebenfalls zu einer verringerten Luftverschmutzung beitragen. Die zur Verfügung stehenden Ressourcen könnten durch den Einsatz spezieller KIs sehr viel effizienter genutzt werden, was wiederum die Umwelt schonen würde. Alles in Allem dürfte die Umwelt eher als Gewinner da stehen - der Mensch hingegen möglicherweise eher als Verlierer.

Diverse Filme wiesen bereits auf die Gefahren hin, wenn Menschen das Zepter an Maschinen übergeben: z.B. Marvel's The Avengers - Age of Ultron, Matrix, Ghost in the Shell, Blade Runner, Westworld um nur einige zu nennen. Vielleicht sollten wir diese Filme ein Stück weit auch als Lehrstücke betrachten, um unsere Zukunft selbstbestimmter und trotzdem effizient gestalten zu können. Vielleicht können wir dann irgendwann in ferner Zukunft eine Smart City errichten, bei der der Mensch im Fokus steht, seine Rechte und seine Menschlichkeit, wo Moral und Ethik beachtet und trotzdem die Umwelt nicht vergessen wird. Zum aktuellen Zeitpunkt allerdings, fürchte ich, dass dies wenn, dann nur sehr schwer möglich sein wird, und deshalb aus Kosteneffizienzgründen wegrationalisiert werden würde.

Aber lassen wir uns mal überraschen, was uns in Arizona erwartet. Vielleicht wird es ja auch wie in der Fernsehserie "Eureka"? Ich bin jedenfalls gespannt.

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